Der Herbst 1959
Der Herbst und frühe Winter 1959 war im südöstlichen Frankreich sehr verregnet. In der Zeit vom 19.11. bis 02.12.1959 wurden an der Wetterwarte Frejus-St- Raphaël 490mm Niederschlag gemessen, hiervon alleine 128mm in den letzten 24 Stunden.
Mitte November, der Stausee hatte einen Wasserstand von etwa 7m unterhalb des maximalen Füllstandes erreicht, wurden Aussickerungen am rechten Ufer entdeckt. Während das Wasser hinter dem Staudamm weiter stieg, wurden diese Aussickerungen immer stärker. Die Ingenieure hingegen nahmen diese Aussickerungen offenbar nicht ernst. Im Herbst 1959 wurde der Stausee zum ersten mal komplett gefüllt. Dies ist der kritischte Zeitpunkt im Leben eines Staudammes.
Am 02. Dezember wollte der zuständige Staudammwärter sich telefonisch die Erlaubnis holen, um den Grundablass zu öffnen. Da aber die Telefongesellschaft gerade streikte, fuhr er mit dem Motorrad nach Frejus, um die verantwortlichen Stellen zu warnen und die Erlaubnis einzuholen. Zunächst wurde diese Erlaubnis verwehrt, da man befürchtete, die frisch gegossenen Brückenpfeiler der Autobahnbaustelle wenige Kilometer unterhalb des Staudammes zu beschädigen. Erst nach einem Rundflug über den See und eine Konferenz am späten Nachmittag mit den zuständigen Behördenvertretern wurde dann beschlossen, am Abend des 02.12. um 18:00 Uhr den Grundablass zu öffnen und den Damm so zu entlasten. Als der zuständige Wärter gegen 21:00 Uhr seinen letzten Kontrollgang machte, war der Wasserstand bereits um einige Zentimeter gefallen. Doch die Katastrophe war schon nicht mehr aufzuhalten.
Die Katastrophe vom 02. Dezember 1959
Als der Wärter in sein etwa 1500m vom Staudamm entferntes Haus zurückkehrte, vernahm er ein gewaltiges Krachen, eine Druckwelle stiess Türen und Fenster auf. Einen Moment darauf verlosch das elektrische Licht.
Die Messgeräte der Electricité de France (EDF) verzeichneten um 21:13 Uhr die Unterbrechung der Leitungen zum Transformator in der Nähe der Staumauer, um 21:34 Uhr wurde auch die Leitung am Ortsrand von Frejus unterbrochen. 21 Minuten hatte die gewaltige Welle gebraucht, um von Malpasset an die Küste nach Frejus zu gelangen. Auf ihrem Weg hatte sie alles zerstört und überflutet.
Der ORSEC-Plan (organisation des secours, Hilfsplan) wird sofort ausgelöst. Örtliche Militäreinheiten und Hubschrauber der amerikanischen Armee beteiligen sich daran, den Überlebenden zu helfen, aber auch an der Bergung der Opfer. Als General de Gaulle einige Tage nach dem Unglück nach Frejus kommt, findet er ein völlig verwüstetes Gebiet vor.
Was war geschehen? Unter dem zunehmenden Druck des Wassers wurde der unter der Mauer liegende Felsen rissig und das Wasser drang ein. Auch unter der Gründung drang Wasser unter dem enormen Druck in den Fels ein. So war bereit i November eine leichte Verformung des Dammes zu messen, was jedoch nicht weiter als ernsthafte Gefahr interpretiert wurde. Mitte November wurden dann erste feine Risse im Betonfundament der Mauer festgestellt. Da aber der Stausee weiter gefüllt wurde, nahm der Druck weiter zu. Am 02. Dezember hielt dann der Untergrund nicht mehr stand. Der Damm rutschte fürmlich auf dem völlig durchnässten Untergrund und wurde auf dem linken Ufer mitsamt seiner Fundamente und dem umgebenen Fels weggerissen. 50 Millionen Kubikmeter Wasser ergossen sich in das Tal des Reyran, eine Welle von fast 50m Höhe.
Bilanz des Dammbruchs
In den Tagen nach dem Dammbruch wurden die immensen Schäden deutlich. Zahlreiche Opfer wurden erst Tage und Wochen später geborgen, teilweise weit entfernt im Mittelmeer. Im einzelnen waren zu beklagen:
- 423 Tote, davon 135 Kinder unter 15 Jahren
- 951 beschädigte Häuser, davon waren 155 völlig zerstört
- 50 zerstörte Bauernhöfe
- 1.350 Hektar betroffene landwirtschaftliche Nutzfläche, von denen 1.030 völlig zerstört waren
- etwa 2.500m Bahngleise waren herausgerissen
- das Tal des Reyran war auf etwa 5km bis auf den blanken Fels abgetragen
- 471 zerstörte Fahrzeuge
- etwa 1.000 Schafe waren getötet
- etwa 80.000 Hektoliter Wein waren verloren
Der materielle Schaden belief sich auf mehrere Milliarden Francs. Der immaterielle Schaden ist nicht zu berechnen.
Die Folgen des Unglücks
Nach dem Unglück wurde ein Kommistion zur Untersuchung der Ursachen eingesetzt. diese kam erst 1967 zu einem abschliessenden Urteil: es lag ein menschliches Vesagen vor, auch Versäumnisse hätten nicht vorgelegen. Das Unglück wurde somit als Naturkatastrophe eingestuft.
Der Staudamm wurde nicht wieder aufgebaut. Um Hochwasser im Bereich von Frejus weitgehend auszuschließen, wurde der Reyran in ein Betonbett gezwängt. Derart kanalisiert können die Wassermassen im Herbst und Winter schnell ins Mittelmeer abfliessen.
Der Wiederaufbau des zerstörten Frejus begann bereits wenige Tage nach dem Dammbruch. Die französische Post gab eine Briefmarke zu Gunsten des Wiederaufbaues heraus. Schon ein Jahr später waren viele Gebäude wieder bewohnbar, die Altertümer restauriert.
Heute erinnert kaum noch etwas an das Unglück von 1959. Auf dem Friedhof von Frejus steht ein Gedenkstein. An einigen Häusern Gedenktafeln. Ein Haus ist nach dem Unglück zwar restauriert worden, aber der Anstrich wurde nicht erneuert. Hier ist noch heute der Wasserstand vom 02. Dezember 1959 zu erkennen. Und natürlich sind im Tal des Reyran noch die Überreste der Staumauer zu sehen...